“ Verwechsle nicht das, was Gewohnheit ist, mit dem, was natürlich ist.“
(Mahatma Gandhi)

Ein häufiger Irrtum ist der Gedanke, dass Gebärden, insbesondere Babyzeichen, etwas Künstliches, Unnatürliches sind. Nicht, dass es wirklich wichtig wäre, aber: Sind sie das tatsächlich? Denken Sie einmal an die Begriffe „lecker“, „Telefon“, „müde“ und „Tschüss“ die ein Baby in der zweiten Hälfte des ersten Jahres immer häufiger benutzt. Mit Sicherheit fallen Ihnen dazu sofort passende Gebärden ein (den Bauch reiben für „lecker“, eine Faust ans Ohr halten zum „Telefonieren“, eine flache Hand an die Wange legen für „müde“ oder „schlafen“ und winken für „Tschüss“). Dabei handelt es sich um nichts anderes als um Gesten, also Bewegungen und Handstellungen, denen eine besondere Bedeutung zugeordnet wird (vgl. Largo 2010, S.387) und die Erwachsene und Kinder bereits kennen, verstehen und auch anwenden. Nichts anderes sind Gebärden.

Genau wie die zahlreichen Lautsprachen der Welt, sind auch die Gebärdensprachen natürliche Sprachen. Sie wurden – anders als beispielsweise die bekannte Lautsprache „Esperanto“ – nicht quasi „am grünen Tisch“ von Theoretikern entworfen. Gehörlose Menschen hat es immer gegeben und sie haben regionale Gemeinschaften gebildet, aus denen heraus sich die verschiedenen Gebärdensprachen entwickelten, die sich übrigens untereinander stärker ähneln als die Lautsprachen. Diese Entstehung und Entwicklung waren natürliche Vorgänge, und die Entwicklung hält – genau wie bei den Lautsprachen – bis heute an.

„Selbst blind geborene Menschen, die noch nie eine Geste gesehen haben, gestikulieren, wenn sie sich mit blinden Menschen unterhalten“ (Iverson und Goldin-Meadow 1998, S. 288) Der Gedanke, dass Gebärden unnatürlich oder künstlich sind, darf also getrost über Bord geworfen werden.